Eine Kritik am Status von nicht-menschlichen Tieren in der Gesellschaft

*Nutzenfixiert produziert, verdinglicht, als Ware in Wert gesetzt, ausgebeutet*

Wir leben in einer Gesellschaft wo alles zur Ware gemacht wird um daraus Profit zu erwirtschaften: sei es die menschliche Arbeitskraft oder seien es nicht-menschliche Tiere, die als Ware in Wert gesetzt werden, um daraus Kapital zu schlagen. Unsere gesamte Gesellschaft ist von diesem Prinzip überzogen. Daher kann die Kritik am Status der Tiere nicht losgelöst vom Kapitalismus geübt werden, in dem nicht-menschliche Tiere verdinglicht, zur Ware und zu Tier-Kapital gemacht werden. Durch die kapitalistische Produktionsweise wird “das Tier” zum verwertbaren Objekt. Hierbei ist es gesellschaftliche Realität, dass das Mensch-Tier-Verhältnis von Gewalt gegenüber dem Tier geprägt ist: nicht-menschliche Tiere werden für Nahrung und Kleidung ausgebeutet und umgebracht, für die Erforschung von Medikamenten und Kosmetika als Versuchsobjekte benutzt, zum Vergnügen aufgespießt und erschossen, zum Zeitvertreib ausgestellt und dressiert, für Partnerschaft gezüchtet und für Sport ausgenutzt. Wie nicht-menschliche Tiere wahrgenommen werden geschieht über ihren Nutzen und durch Kategorisierung in Gruppen, wie z.B. “Nutztiere”, “Haustiere”, “Versuchstiere”, “Zootiere”, “Pelztiere” und andere. Diese Kategorien spiegeln den Stellenwert, welchen sie in unserer Gesellschaft haben, wider: sie sind etwas, was für den Menschen da ist, werden aber nicht als jemand wahrgenommen, der eigene Interessen besitzt. Dass nicht-menschliche Tiere in unserer Gesellschaft nach Belieben benutzt werden dürfen, scheint als Naturkonstante, an deren Tatsache selten gerüttelt wird. Sie gilt als normal und feststehend.

*Der “Mensch”-”Tier”-Dualismus*

Die klare Grenzziehung zwischen Mensch und Tier rechtfertigt diese willkürliche Ausbeutung von nicht-menschlichen Tieren. Dadurch werden unter dem Begriff “Tier” höchst unterschiedliche Spezies zusammengefasst, deren größte Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie von ihrem Gegenspieler Mensch abgegrenzt werden.
Die Kategorie “Tier” ist eine soziale Konstruktion des Menschen. Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und nicht-menschlichen Tieren werden verleugnet und Unterschiede hervorgehoben. Das Tier hat hierbei die Funktion des negativen Gegenübers des Menschen und repräsentiert alles, was nicht in die heile Welt des Menschseins passt. Eigenschaften und
Verhaltensweisen wie Sehnsüchte, Triebe, Abneigungen, Aggressionen, die nicht in das vorherrschende Idealbild des zivilisierten Menschen passen, werden dem negativen Gegenpol “Tier” zugeschrieben.
Dieses Denken nennt man dualistisch, binär oder schwarz/weiß. Es beinhaltet, dass sich zwei Gegensatzpaare unvereinbar gegenüberstehen. In der westlichen Kultur gibt es noch andere Gegensatzpaare wie Kultur – Natur, Geist -Materie, Vernunft-Trieb, Seele – Körper, Moral – Instinkt, Mann – Frau usw.
Es lässt sich feststellen, dass die Seiten dieser Paare jeweils Mensch und Tier zugeordnet werden können. Dabei zeigt sich die hierarchische Ordnung des Mensch-Tier-Dualismus: die dem Menschen zugeordnete Seite (z.B. Vernunft) stellt den gesellschaftlichen Soll-Zustand dar, wohingegen die andere Seite, die vom Tier repräsentiert wird (z.B. Trieb), für den Negativ-Pol steht, nämlich für das, was nicht sein soll bzw. was es nicht geben darf. Daraus resultiert eine Werteskala, mit der die andere Gruppe abgewertet und gleichzeitig die eigene Gruppe aufgewertet wird. Die dualistische Denkweise beinhaltet Mechanismen die zur Ausgrenzung und Diskriminierung von Tieren, aber auch von Menschen führen. So werden Frauen, Indigenas, Schwarze wie auch Tiere dem begrifflichen Rahmen der Natur zugeordnet,
die als negatives Gegenstück zur höherwertigen Kultur des Menschen/des weißen Mannes betrachtet wird. Unterdrückung und Gewalt an Individuen, die als naturnah stigmatisiert werden, können mit Hilfe dieser Herrschaftslogik legitimiert werden.
Die Kritik am Mensch -Tier-Verhältnis sollte nicht als isoliertes Unterdrückungsphänomen angesehen werden, sondern in den Kontext mit anderen Benachteiligunsformen wie Rassismus und Sexismus gestellt werden. Es muss daher eine fundierte Analyse stattfinden, die Überschneidungen und Wechselwirkungen des Speziesismus mit anderen Unterdrückungsformen untersucht. Dabei sollte beachtet werden, dass es sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede zwischen verschiedenen Arten von Unterdrückungen gibt.
In der Analyse zum Mensch-Tier-Verhältnis ist noch viel Arbeit zu leisten, die nur mit einem gemeinsamen konstruktiven Dialog zu dem Ziel kommen kann, einer Gesellschaft, die nicht auf Ausbeutung, Gewalt und Unterdrückung basiert, ein kleines Stück näher zu kommen.

[Dieser Text basiert auf dem Aufruf zum Antispe Kongress 2008 in Hannover]